Gegenwart

Luther, Melanchthon und die Rechtfertigung aus Glauben


Leroy Moore
Prediger, Buchautor, Theologie-Lehrer am Weimar-Institut (USA)

Schon bald nach Martin Luthers Thesenanschlag gegen den Ablasshandel am 31. Oktober 1517 kam es zur Konfrontation und schließlich zum Bruch mit der Papstkirche. Luther stand im Zentrum des Sturmes, doch Gott hatte vorgesorgt:

Genau zu dieser Zeit, als Luther die Zuneigung und den Rat eines wahren Freundes benötigte, sandte ihm Gott in seiner Vorsehung Philipp Melanchthon nach Wittenberg. Jung an Jahren, bescheiden und zurückhaltend in seinem Benehmen, mit gesundem Urteilsvermögen, umfassendem Wissen und gewinnender Beredsamkeit, zusammen mit einem reinen und aufrichtigen Charakter, erwarb er sich allgemeine Bewunderung und Achtung … Bald wurde er ein eifriger Jünger des Evangeliums und Luthers vertrautester Freund und wertvollster Helfer. Seine Freundlichkeit, seine Vorsicht und Genauigkeit ergänzten den Mut und die Tatkraft Luthers. Ihr gemeinsames Wirken gab der Reformation die erforderliche Kraft und war für den Reformator eine Quelle großer Ermutigung. (Ellen White, Vom Schatten zum Licht, 126)

Es war Melanchthon, der Luther half, sich mehr und mehr vom Papsttum zu lösen und dem biblischen Christentum zuzuwenden. Luther nannte Melanchthon den größten Theologen. Gegenseitige Wertschätzung kennzeichnete ihre Beziehung, und sie ergänzten sich hervorragend in ihrer Arbeit.

Luther hatte ein Problem, das er nie völlig abschütteln konnte, und das war der römisch-katholische Mystizismus. Die Kirche lehrte, Brot und Wein würden beim Abendmahl zum realen Leib und Blut Christi verwandelt („Transsubstantiation“), daher würden die Gläubigen bei der Messe buchstäblich Jesu Leib essen und der Priester buchstäblich Jesu Blut trinken. Luther erkannte zwar den Irrtum dieser Lehre, führte aber mit der „Konsubstantiation“ einen sehr ähnlichen Gedanken ein, dass nämlich Brot und Wein in der Abendmahlsfeier zwar unverändert blieben, mit ihnen zusammen aber der Leib und das Blut Jesu gegenwärtig seien. Das war ein wichtiger Glaubenspunkt für ihn, und seine Anhänger hielten treu daran fest.

Hierüber kam es zu einem intensiven Konflikt mit dem Schweizer Reformator Ulrich Zwingli, der die Ansicht vertrat, Brot und Wein seien lediglich Symbole für Christi Leib und Blut. Obwohl Zwingli biblisch gesehen richtigstand, weigerte Luther sich, ihn als Christen anzuerkennen. Sowohl Zwinglis als auch Luthers Nachfolger drängten die beiden Reformatoren zu einer klärenden Begegnung, um die Einheit der Gemeinde zu stärken. Luther wehrte sich eine Zeit lang dagegen, gab aber schließlich dem Druck seiner Anhänger nach und traf sich mit Zwingli. Doch egal, welche Argumente Zwingli vorbrachte, um zu zeigen, dass Brot und Wein nicht der reale Leib und das reale Blut Jesu waren, sondern lediglich Symbole – Luther antwortete mit denselben Worten: Jesus habe gesagt, „Dies ist mein Blut“, „Dies ist mein Leib“, und das sei natürlich wörtlich gemeint. Die Gläubigen würden (mit Luthers Worten) tatsächlich mit ihren Zähnen den Leib Jesu zerkauen.

Auch Melanchthon betrachtete das Abendmahl als rein symbolisch, aber aus Respekt vor Luther konfrontierte er seinen mystizistischen Irrtum nicht direkt, sondern suchte ein Gegengewicht herzustellen, indem er die geistliche Gegenwart Christi betonte und Brot und Wein als Symbole behandelte. Während Luther am Ende der Diskussion mit Zwingli nicht einmal bereit gewesen war, ihm die Hand zu reichen und ihn als Mitgläubigen zu akzeptieren, schätzte er Melanchthons Vorgehensweise, auch wenn er seinen Standpunkt nicht teilte.

Luther starb 1546, nur wenige Monate nach Beginn des katholischen Konzils zu Trient Ende 1545, das mit Unterbrechungen bis 1563 andauerte. Auslöser für das Konzil war das allgemeine Empfinden auch innerhalb der römisch-katholischen Christenheit, dass die Kirche eine Reform brauche. Gleichzeitig sollten die Erfolge der Reformation bekämpft werden. Es war das Ziel dieser sogenannten „Gegenreformation“, die protestantischen Lager gegeneinander aufzustacheln, indem man die extremen Positionen innerhalb der Reformation verurteilte.

Die Erklärungen des Konzils von Trient führten dazu, dass die protestantischen Gruppen sich gegenseitig kritisierten.

Interessanterweise stammten diese Positionen tatsächlich aus dem Katholizismus. Die Papstkirche vereinte zwei gegensätzliche Strömungen in sich, die sich auch im Protestantismus wiederfanden, und die Verdammung der Extremformen dieser Lehren war ein sehr wirksames Mittel, die Lager innerhalb der Reformation zu polarisieren: Auf der einen Seite standen die Calvinisten mit der Prädestination (Vorherbestimmung), auf der anderen Seite die Arminianer, die den freien Willen des Menschen betonten. Die Erklärungen des Konzils von Trient führten dazu, dass die protestantischen Gruppen sich eher gegenseitig kritisierten, statt gemeinsam gegen das Papsttum Stellung zu beziehen.

Melanchthon und die Gnesiolutheraner

Noch zu Lebzeiten Luthers hatten seine Anhänger extreme Positionen auf der Seite derer eingenommen, die wie Calvin den freien Willen ablehnten. Sie nannten sich „Gnesiolutheraner“, was so viel wie „wahre Lutheraner“ bedeutet. Luther selbst hatte sich mit der Zeit immer mehr der ausgewogenen Rechtfertigungslehre Melanchthons angeschlossen, die das objektive Werk Christi (seine vergebende Gnade) und die subjektive Antwort des Gläubigen auf diese Gnade (seine Entscheidung bzw. sein Gehorsam) miteinander verband. Diese Lehre wird auch „Synergismus“ genannt („Zusammenwirken“ von Gott und Mensch).

Nach calvinistischem Verständnis hat der Mensch zwar einen Willen, doch kann er ihn nur so ausüben, wie Gott es vorherbestimmt hat („Determinismus“), noch bevor der Mensch auf die Welt gekommen ist. Auch kann niemand die Seiten wechseln: Ein Auserwählter kann unmöglich verloren gehen, und ein Verlorener kann unmöglich gerettet werden. Weil aber im irdischen Leben nicht klar erkennbar ist, welcher Fall jeweils vorliegt, führt diese Lehre zu einer großen Unsicherheit bei den Gläubigen: Gehöre ich zu den Auserwählten oder doch zu den Verlorenen?

Luther hatte stets großen Respekt vor Melanchthons theologischen Fähigkeiten und schützte ihn zeit seines Lebens vor Angriffen vonseiten der Gnesiolutheraner. Nach seinem Tod jedoch verurteilten die Gnesios Melanchthons Verständnis als Häresie und beriefen sich dazu einseitig auf die extremen Äußerungen Luthers zum Thema. Sie taten alles, um Melanchthon seines Einflusses zu berauben und ihn gänzlich aus der protestantischen Bewegung hinauszudrängen. Die Äußerungen des päpstlichen Konzils zu Trient kamen ihnen dabei sehr gelegen. Der durch die Maßnahmen der Gegenreformation angefeuerte Streit und die Zersplitterung unter den evangelischen Parteien trugen viel dazu bei, dass die katholische Kirche große, an die Reformation verloren gegangene Gebiete zurückgewinnen konnte. Dies zeigt, wie wichtig es ist, dass Gläubige mit demselben Eifer, mit dem sie nach Wahrheit suchen, auch darum ringen, die Einheit untereinander zu wahren.

Die Frage, ob Rechtfertigung rein legal zu verstehen ist (als Richterspruch = „forensisch“) oder synergistisch (abhängig von der Antwort des Menschen), lässt sich besser unter dem Gedanken der Versöhnung verstehen. Luthers extreme Anhänger vertraten, Christi Tod am Kreuz habe zur Rechtfertigung der ganzen Welt geführt („universelle Rechtfertigung“). Tatsächlich erreichte Golgatha die universelle Versöhnung: Jesu Tod war die Sühne für alle Sünden aller Menschen zu allen Zeiten. Rechtfertigung erfordert aber eine individuelle Antwort und wird erst in dem Moment erlangt, wo der Mensch die Versöhnung für sich in Anspruch nimmt.

Das eigenartige Verhältnis der Lutheraner zu Luther

Protestanten legen traditionell großen Wert auf das Sola scriptura-Prinzip („Allein die Schrift“). Allerdings haben schon damals Gruppen wie die Gnesios Luthers Aussagen größeren Wert beigemessen als der Bibel. Ihre Lehren wurden von den Plymouth-Brüdern (der Brüderbewegung) weitergetragen und üben bis heute großen Einfluss auf die evangelische Welt aus. Ihre Theologie hat in allen protestantischen Kirchen Fuß gefasst.

Luther verlor über die Jahre immer mehr sein Vertrauen in eine rein zugesprochene (forensische) Rechtfertigung und näherte sich Melanchthons Standpunkt einer synergistischen Rechtfertigung an, wo Gott die Initiative ergreift, die Antwort darauf aber vom Einzelnen erfolgt. Seine Nachfolger lehnten dieses neue Licht jedoch ab und verwarfen in Folge auch Luthers spätere Einsicht von einer sterblichen Seele und dem Tod als Schlaf. Eigenartigerweise ließen sie Luther nicht für sich selbst sprechen. Heute wissen viele lutherische Theologen nichts mehr von Luthers Erkenntnis der Sterblichkeit der Seele, an der er bis zu seinem Tod festhielt.

Wenn wir in Christus sind, fällt der Vater das Urteil gemäß der Gerechtigkeit Christi.

In ähnlicher Weise eröffnete sich Luther mit der Zeit die wichtige Bedeutung des menschlichen Willens. Christus hat am Kreuz Versöhnung für die gesamte Menschheit erwirkt und damit die Voraussetzung für die Rechtfertigung jedes Einzelnen geschaffen. Gerechtfertigt wird aber nur der, der im Glauben dieses Angebot ergreift. Erst dann ist der Mensch, wie Paulus sagt, „in Christus“. Er ist gerechtfertigt, weil er die Gerechtigkeit Christi empfangen hat. Diese Gerechtigkeit allein ist es, die uns im Gericht bestehen lässt. Wer in Christus ist, sorgt sich nicht um das Gericht, denn Christi vollkommener Gehorsam wird ihm zugerechnet. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange wir schon Christen sind oder wie tief wir in Sünde verstrickt waren. Wenn wir in Christus sind, fällt der Vater das Urteil gemäß der Gerechtigkeit und dem Charakter Christi. Deshalb brauchen wir die Gerechtigkeit Christi! Sie ist die einzige „Währung“, die im Himmel etwas gilt.

Der Mensch hat Verantwortung

Der deutsche Historiker Wilhelm Möller schrieb über Melanchthon:

Schon seit 1527 wendete Melanchthon sich von dem deterministischen Zug der Reformation [d. h. von der Lehre von der Vorherbestimmung] ab und pflegte einen Synergismus, der die Kausalität der Sünde von Gott fernhalten und das Gefühl der Verantwortlichkeit des Menschen zur Geltung bringen sollte. Das Heil des Menschen kann nur mittels einer mitwirkenden Entscheidung des eigenen Willens zustande kommen, ohne dass doch von einem Verdienst dabei geredet werden darf. (Lehrbuch der Kirchengeschichte, 3:252)

Der Grundgedanke des Synergismus, dass nämlich der Mensch selbst über sein Schicksal entscheidet, indem er Christus entweder annimmt oder ablehnt, beinhaltet die Überzeugung eines freien Willens. Luther übernahm diese Ansicht mehr und mehr und verließ damit den Boden des Determinismus, der letztlich Gott für die Sünde verantwortlich macht und Adams Schuld seinen Nachkommen zur Last legt („Erbsünde“). Es ist ein wichtiger Punkt, dass Gott die Sünde weder verursacht noch fördert. Sünde ist niemals in Gottes Sinn, denn sie ist eine Verletzung der Prinzipien seiner Herrschaft.

Während andere meinten, der Mensch könne sich durch die Ausübung seines Willens Verdienste erwirken, betonte Melanchthon, die Mitwirkung des Willens habe keinerlei Verdienstcharakter, und entzog damit dem Vorwurf von Legalismus (Gesetzlichkeit) den Boden. Er sah die Verantwortung für die Sünde beim menschlichen Willen und setzte Willen mit Glauben an die Rechtfertigung gleich. Aus Respekt und Rücksicht auf Luther, der sich nur langsam von den Vorstellungen der katholischen Theologie des Augustinus befreite, entwickelte er diese Lehre jedoch nicht in der Tiefe.

Die größte Schlacht aller Zeiten

In dem Buch Steps to Christ schreibt die Autorin Ellen White treffend über den menschlichen Willen:

Der Krieg gegen das eigene Ich ist die größte Schlacht aller Zeiten. Sich vollständig dem Willen Gottes auszuliefern, kostet Überwindung. Und doch kann der Mensch nur dann wieder zur Heiligkeit erneuert werden, wenn er sich Gott unterstellt … (S. 43)

Der richtige Einsatz des Willens kann dein Leben komplett verändern. Wer seinen Willen Christus übergibt, verbündet sich mit der höchsten aller Mächte und Gewalten. (S. 48)

Der Wille entscheidet, wie „die größte Schlacht“ ausgeht. Unsere Verantwortung besteht darin, uns immer wieder für Christus zu entscheiden. Tag für Tag versucht der Feind mit den unterschiedlichsten Mitteln, uns von diesem ständigen Ausüben des Willens abzuhalten und damit von Gott zu trennen. Die Gnesios lehnten die aktive Rolle des Willens ab und beschuldigten Melanchthon fälschlich des Legalismus von Pelagius, der Rechtfertigung aus Glauben und aus Werken lehrte.

Wir werden nicht aus Glauben und Werken gerettet, sondern aus wirkendem Glauben.

In Wirklichkeit werden wir aus wirkendem Glauben gerettet, wobei die Wirkung nicht menschlicher, sondern göttlicher Kraft entspringt. Bestimmte Aspekte des Determinismus sind für sich genommen durchaus richtig. Beispielsweise können wir uns nicht durch gute Werke selbst erretten. Nicht unsere, sondern seine Güte bringt uns das Heil. Und erst, wenn bei der Wiederkunft Jesu unser sterblicher und vergänglicher Körper in einen unsterblichen und unvergänglichen verwandelt wird, können wir zu Recht sagen, dass wir „gut“ sind – weil Gott uns einen neuen Leib und eine neue Natur gegeben hat. Unsere Natur wird dann wieder wie die von Adam vor dem Sündenfall sein: in völliger Übereinstimmung mit Gottes Gesetz der Liebe, sodass Gehorsam das Natürlichste auf der Welt ist.

Bis wir eine sündlose Natur erhalten, müssen wir aufgrund unserer sündigen Natur Versuchungen widerstehen. Dennoch können wir schon jetzt in vollkommener Zuversicht in Christus ruhen, weil es Seine Gerechtigkeit ist, die uns trotz unserer eigenen Verdorbenheit erlöst und unseren Freispruch im Gericht bewirkt. Dies ist der einzige Weg!

Das Erbe der Gnesios

Die Rechtfertigungs-Theologie der Gnesiolutheraner, die über die Brüderbewegung praktisch alle protestantischen Konfessionen erreicht hat, lässt sich in einer Reihe von Gegensätzen definieren:

RECHTFERTIGUNG („DAS EVANGELIUM“) IST:

Streng forensisch (ein gerichtlicher Vorgang)

  1. Gerecht erklärt, NICHT gerecht gemacht
  2. Zugesprochen, NICHT verliehen
  3. Geschenk, NICHT Zusammenarbeit
  4. Wurzel, NICHT Frucht
  5. Gute Nachricht, NICHT guter Rat
  6. Reformatorisch, NICHT katholisch

Niemals das Werk des Geistes

  1. Christus, NICHT Heiliger Geist
  2. Objektiv, NICHT subjektiv
  3. Außerhalb, NICHT im Herzen
  4. Im Himmel, NICHT auf der Erde
  5. Für uns, NICHT in uns
  6. Wir in Christus, NICHT Christus in uns
  7. Vor 2000 Jahren, NICHT heutige Erfahrung

Die Sichtweise der „Reformationisten“

Weil diese Theologie sich auf die Reformation beruft und behauptet, das Rechtfertigungsverständnis der Reformatoren wiederzugeben, nenne ich ihre Anhänger „Reformationisten“. Entgegen häufigen Beteuerungen ist dies aber nicht die Theologie von Luther selbst, sondern der extreme Standpunkt seiner Nachfolger, die Melanchthons synergistische Elemente bekämpften.

Reformationisten betrachten alles, was nicht mit ihrer Interpretation der Konkordienformel übereinstimmt, als römisch-katholisches Gedankengut. Zwar anerkennen sie, dass auch in Luthers Schrifttum eine Mischung von objektiven und subjektiven Aspekten der Rechtfertigung zu finden ist, erklären aber, dies sei noch „der katholische Luther“ gewesen, der jedoch aus seinem Turmerlebnis 1518, bei dem er Gottes Gerechtigkeit als Gnadengeschenk entdeckte, als gereifter Protestant hervorging und ab 1519 das subjektive Element in der Rechtfertigung konsequent abgelehnt habe.

Diese Sichtweise hat mehrere Probleme:

  1. Die historischen Daten weisen eher auf 1514 oder früher als Jahr des Turmerlebnisses hin.
  2. Luther hat auch nach 1519 nicht immer zwischen objektiv und subjektiv unterschieden. 1531 schrieb er: „Weil aber allein der Glaube, bevor und ehe die Werke folgen, solchen Erlöser ergreift, so muss es wahr sein, dass allein der Glaube vor und ohne Werke solche Erlösung fasst; welches nichts anderes sein kann, als gerecht werden. Denn Erlösung von Sünde oder Sündenvergebung haben, muss nicht anders sein, als gerecht sein oder werden. Aber nach solchem Glauben oder empfangener Erlösung oder Sündenvergebung oder Gerechtigkeit folgen alsdann gute Werke als solches Glaubens Früchte.“ ( Martin Luther’s sämmtliche Werke, Verlag Carl Heyder, 25:76)
  3. Luthers eigener Bericht (1545) der Turmerfahrung [wo er erkannte, dass die „Gerechtigkeit Gottes“ von Gott zu uns kommt und nicht umgekehrt] steht in klarem Widerspruch zur reformationistischen Sicht. Nachdem er bezeugt hat, dass er sich „geradezu neugeboren“ fühlte, fährt er fort: „Ich durchlief danach die Schrift, soweit ich sie im Gedächtnis hatte, und fand auch in anderen Ausdrücken einen ähnlichen Sinn: Werk Gottes, d. h. durch das Gott in uns wirkt; Kraft Gottes, durch die er uns kräftig macht; Weisheit Gottes, durch die er uns weise macht …“ (Nach: Weimarer Ausgabe [WA], 54:186).

Auch der Theologe Hans K. LaRondelle widerspricht dem dogmatischen Anspruch, die Reformatoren hätten ausschließlich eine forensische Rechtfertigung vertreten, und zitiert Luther aus dem Jahr 1535: „Rechtfertigung ist in Wirklichkeit eine Art Neugeburt.“ (In: „Paxton and the Reformers“, Spectrum, Juli 1978, S. 53) LaRondelle hebt hervor:

Es ist bedeutsam, dass selbst die führenden Luther-Gelehrten heute einräumen, dass „das lebendige Ganze von Luthers Verständnis“ durch die Zersplitterung der Rechtfertigung im lutherischen Protestantismus verloren gegangen ist. (S. 54)

Dann zitiert er aus dem offiziellen Bericht der theologischen Kommission des Lutherischen Weltbundes aus dem Jahr 1965:

Das späte Luthertum hat die unverkennbare Tendenz, der Rechtfertigungslehre einen Sonderstatus zu geben. Mit der guten Absicht, die Lehre von der Rechtfertigung rein zu erhalten, wurde allein der forensische Aspekt betont und die Tatsache übersehen, dass Rechtfertigung ein persönlicher und allumfassender Vorgang ist. Rechtfertigung ist die Wiederherstellung jener Beziehung zwischen Gott und Mensch, die Gott von Anfang an beabsichtigt hat. (Justification Today: Studies and Reports, Lutheran World, S. 16)

Rechtfertigung – Lebensgemeinschaft mit Christus

Der Theologie-Professor Robin A. Leaver bestätigt, dass Luther Rechtfertigung als etwas verstand, das über einen rein gerichtlichen Vorgang hinausgeht:

Für Luther ist Rechtfertigung weder ein reines Zurechnen noch die schlichte Erklärung, der Sünder werde als gerecht betrachtet. Ein Mensch wird vielmehr durch die Einheit und aufgrund der Einheit mit Christus gerechtfertigt, die aus dem Glauben kommt. Christus und der Gläubige werden als Bräutigam und Braut vereint und werden zu „einem Fleisch“, zu „einem Ganzen“. (Luther on Justification, 62)

Luther selbst beschrieb in seiner Auslegung des Galaterbriefes Gerechtigkeit als den „im Herzen wohnenden Christus“:

Gerecht macht also der Glaube, der jenen Schatz ergreift und besitzt, nämlich den gegenwärtigen Christus. Wie er gegenwärtig ist, ist nicht mit Gedanken zu begreifen … Darum, der im Glauben ergriffene und im Herzen wohnende Christus ist die christliche Gerechtigkeit, derentwegen Gott uns als gerecht betrachtet und das ewige Leben schenkt. (Hartmut Günther [Hg.], D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, 4:90)

Damit befindet sich Luther in Übereinstimmung mit Ellen White, wenn sie betont, dass wahrer Glaube in einer lebendigen und verändernden Verbindung mit Christus besteht:

Viele haben einen theoretischen Glauben an Christus – sie wissen nichts von dieser existenziellen Verbindung mit Ihm, die sich die Verdienste eines gekreuzigten und auferstandenen Heilands zu eigen macht … Ihr Glaube besteht einfach darin, dass sie die Wahrheit einsehen und zustimmen, doch die Wahrheit wird nicht ins Herz aufgenommen, damit sie die Seele heiligt und den Charakter umwandelt. (Selected Messages, 1:398f.)

Ellen White hatte ein sehr umfangreiches Verständnis von Gerechtigkeit aus Glauben und machte keine scharfe Trennung zwischen Rechtfertigung und Heiligung.

Wenn Christus die Sünden erlässt, vergibt er nicht nur, sondern erneuert die Gesinnung. (Selected Messages, 3:190)

Sowohl unser Anrecht als auch unsere Eignung für den Himmel liegen in der Gerechtigkeit Christi. (The Desire of Ages, 300)

Im erwähnten Spectrum-Artikel stellt LaRondelle dar, dass die Rechtfertigungslehre der Reformatoren Vergebung, Versöhnung und Neuschöpfung einschloss. Seine Zusammenfassung lautet:

Die authentischen Luther und Calvin haben das Evangelium nicht auf eine rein forensische Rechtfertigungslehre beschränkt. Diese Eingrenzung kam erst später mit der Lutherischen Konkordienformel (1580), lange nach dem Tod beider Reformatoren. Sie wird offenbar so ausgelegt, dass ein absoluter und bewusster Kontrast zum Trienter Dekret über Rechtfertigung (1547) entsteht. Die Reformatoren selbst verkündigten allerdings eine dynamische und effektive Rechtfertigung als „Gottes Kraft zur Errettung“ (Römer 1,16). Sie erhöhten den lebendigen Christus als Zusicherung unserer vollständigen Rechtfertigung oder Versöhnung oder Adoption als Kinder Gottes und Erben des Heils, wobei auch der Glaube an Christus als unseren persönlichen Erlöser und Bürge aufgrund des stellvertretenden Sühneopfers ein Geschenk Christi sei.

Die unmittelbare Auswirkung des Glaubens an Christus war der innewohnende Christus im Herzen des bußfertigen Gläubigen. So heilte derselbe Christus den Sünder gleichzeitig von seinem zweifachen Übel: von seiner Schuld und von seinem bösen Herzen. Die Schuld wurde von Christi grenzenloser Gerechtigkeit bedeckt, und das selbstsüchtige Herz wurde vom Heiligen Geist neugeboren und zu willigem Gehorsam gegenüber dem ganzen offenbarten Willen Gottes verwandelt …

Der Autor schließt mit folgenden Aussagen Ellen Whites, die das reformatorische Verständnis effektiver Rechtfertigung bestätigen:

Die Versöhnung Christi ist mehr als eine geschickte Lösung, um uns die Sünden vergeben zu können. Sie ist ein göttliches Heilmittel gegen Übertretung und zur Wiederherstellung geistlicher Gesundheit. Sie ist das vom Himmel bestimmte Mittel, damit die Gerechtigkeit Christi nicht nur auf uns, sondern in unserem Herzen und Charakter ist. (Ellen White, Adventist Bible Commentary, 7:464)

Vergebung geht weiter, als viele meinen. Als Gott versicherte, dass er „reich an Vergebung“ sei, fügte er an, als würde diese Zusage all unsere Vorstellungskraft übersteigen: „ Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR. Denn so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“ (Jes 55,8.9) Gottes Vergebung ist nicht einfach ein Rechtsakt, der uns von Verurteilung freispricht. Sie ist nicht nur Vergebung wegen der Sünde, sondern Herausnahme aus der Sünde. Sie ist ein Strom von erlösender, das Herz verwandelnder Liebe. David wusste, was Vergebung wirklich bedeutet, als er betete: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ (Ps 51,12 LUT) (Thoughts from the Mount of Blessings, 114)

Göttliche Macht und menschliches Handeln

Der Kern des Evangeliums ist die Vereinigung von Gnade und Gesetz, von göttlicher Macht und menschlichem Gehorsam.

Der Synergismus – also die Verbindung von Gottes Gnade und der Antwort des Menschen darauf – ist unverzichtbar, weil er Gottes Beziehung zur Sünde erklärt und das richtige Gottesbild aufrechterhält. Er macht dem Menschen bewusst, dass jeder selbst über sein ewiges Schicksal entscheidet. Gott schenkt uns seine Gaben, doch wir entscheiden, was wir damit tun. Christus hat die Schuld für alle unsere Sünden und Unreinheiten beglichen. Darüber hinaus bietet er uns seine eigene Gerechtigkeit an, die wir aus der Verbindung mit ihm erhalten. Dies ist der Kern des ewigen Evangeliums: die Vereinigung von Gnade und Gesetz, von göttlicher Macht und menschlichem Gehorsam, wobei alles, was der Mensch tut, immer nur eine Reaktion auf Gottes Handeln ist und allein von Seiner Kraft ermöglicht wird. Voraussetzung dafür ist unsere Entscheidung, das Geschenk der Erlösung anzunehmen.

Der bereits angeführte Kirchengeschichtler Wilhelm Möller schreibt:

Die damals gut lutherische Parole „Lieber katholisch als calvinisch!“ beleuchtet grell die Verfeindung, welche die Reihen der Evangelischen spaltete … (Lehrbuch der Kirchengeschichte, 3:271)

Wie weit die Positionen in unserer Gemeinde auch auseinandergehen mögen – denken wir daran, dass Gott zwar ein Gott der Wahrheit, aber nicht der Feindseligkeit ist. Es wird immer Konflikte zwischen Wahrheit und Irrtum geben, doch unsere Feinde sind nicht andere Menschen, sondern die Mächte der Finsternis. Wenn wir zulassen, dass aufgrund unterschiedlicher Ansichten unter uns Streit entsteht, spielen wir Satan in die Hände, der nur darauf aus ist, „zu teilen und zu herrschen“. Im Mittelalter war er damit sehr erfolgreich, als er mit Hilfe der Gegenreformation Protestanten gegen Protestanten aufbrachte. Die Entstehung der Brüderbewegung war ein Resultat dieser Auseinandersetzungen.

Die Konkordienformel – ein erfolgloser Klärungsversuch

Der Konflikt zwischen den Anhängern Melanchthons („Philippisten“) und den Gnesios war so heftig, dass die deutschen Fürsten ein gemeinsames Treffen zur Schlichtung der strittigen Fragen forderten. Matthias Flacius, der Kopf der Gnesiolutheraner, war allerdings so unnachgiebig, dass sich im Bestreben um Verständigung unter den Gnesios eine Art Mittelpartei bildete. Zwei Anläufe zu einer Einigung mit dieser Gruppe scheiterten. Erst als Melanchthons Jünger Nicholas Sehlnecker und Martin Chemnitz sich der Mittelpartei anschlossen, entstanden 1577 als gemeinsame Bekenntnisschrift die zwölf Artikel der „Konkordienformel“, die 1580 zusammen mit neun weiteren lutherischen Bekenntnisschriften im „Konkordienbuch“ veröffentlicht wurden.

Das Konkordienbuch wurde zum Glaubensfundament der Brüderbewegung und gilt vielen als getreue Wiedergabe der Theologie Luthers und Calvins. Fakt ist allerdings, dass Luther und Calvin Zeit ihres Lebens so uneins waren, dass Luther nicht einmal bereit war, Calvin die Hand zu geben, und dass es unmöglich ist, ihre Positionen zu einem gemeinsamen Bekenntnis zusammenzuführen. Entsprechend sind die Artikel der Konkordienformel eine verwirrende und widersprüchliche Mischung aus Argumenten sowohl gegen Calvin als auch gegen Melanchthon und damit weder für Calvin noch für Luther repräsentativ. Der Kirchenhistoriker Philip Schaff äußert über einige Glaubensartikel der Konkordienformel:

Sie enthalten nicht einfach unterschiedliche Aspekte derselben Wahrheit, deren Zusammenführung Aufgabe der Theologie wäre, sondern widersprüchliche Aussagen, die niemals in ein und dasselbe Glaubensbekenntnis hätten gelangen sollen. Die Formulierung übernimmt einen Teil aus Luthers Buch Vom unfreien Willen (1525), verwirft aber den Rest, der bloß die logische Weiterführung wäre. Sie ist augustinisch und geht sogar über Augustinus und Calvin hinaus, was die Lehre menschlicher Verdorbenheit angeht, aber antiaugustinisch in der Lehre göttlicher Vorherbestimmung. (Creeds of Christendom, 1:314)

Nachdem ich immer wieder die Beteuerung gehört hatte, die Konkordienartikel seien das Fundament des christlichen Glaubens, entschied ich mich, die Artikel selbst zu studieren. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass sie keineswegs repräsentativ für die Theologie der Brüderbewegung (Plymouth-Theologie) sind. Die Plymouth-Theologie basiert lediglich auf bestimmten Teilen der Artikel, während andere Teile ihr direkt widersprechen – was einfach daran liegt, dass die Konkordienartikel in sich selbst nicht schlüssig sind.

Ein prägendes Merkmal des Konkordienbuches war der Entschluss der Verfasser, die Lehre von der Konsubstantiation aufrechtzuerhalten. Daraus entstanden an verschiedenen Stellen inhaltliche Zugeständnisse, die aus dem Konkord (Gleichklang) letztlich einen Diskord (Missklang) machten. Aus diesem Grund sprechen viele Historiker nicht von Konkordienartikeln, sondern Diskordienartikeln.

Schluss

Jede Irrlehre stützt sich auch auf Wahrheit. Würde sie gar keine Wahrheiten enthalten, fehlte ihr jede Überzeugungskraft. Es sind die Wahrheitselemente in einem Irrtum, die ihn lebendig und verführerisch machen. Im Hinduismus, Buddhismus und allen anderen Religionen lassen sich Wahrheiten finden, die oft sogar sehr wichtig sind und von anderen Gemeinschaften missachtet werden. So kommt es, dass Menschen sich angezogen fühlen.

Es ist die Wahrheit in einem Irrtum, die ihn verführerisch macht.

Wahrheit jedoch wird niemals zu Widersprüchen führen. Sie mag „paradox“ in dem Sinne sein, dass sie oft in einem Spannungsfeld von Prinzipien existiert, die wie zwei Pole sind, die sich gegenseitig ergänzen und brauchen. Für sich genommen, würde jeder Pol zu einer falschen Lehre. Erst gemeinsam werden sie Wahrheit.

Wir können festhalten, dass Einheit in Liebe geschehen muss und dass Einheit sich der Autorität von Gottes Wort unterstellen muss. Einheit braucht Wahrheit, und diese Wahrheit findet sich in der Heiligen Schrift. Wenn wir uns ganz der Wahrheit unterstellen und das Prinzip der Regierung Gottes beherzigen – Liebe –, werden wir Einigkeit finden, ohne uns gegenseitig zu verurteilen.

Möge Gott uns helfen, den Herausforderungen vor uns zu begegnen. Viele Probleme heute brauchen ruhiges Urteilsvermögen – und den Geist der Wahrheit. Denn Wahrheit ohne den Geist der Wahrheit ist nicht länger Wahrheit.

 

Quelle: amazing discoveries, STAndpunkte, 1/2017, „Reformation“, S. 42-51 (gekürzt)

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